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interview on atemwerft

review of “numen” by Gerald Fiebig @ a3kultur 11/2015 (english version)

“Blixa Bargeld und Kurt Schwitters kämpfen um die Vorherrschaft im (Kehl-) Kopf eines Besessenen und haben anschließend ekstatischen Sex in dessen Mundraum. Der Besessene ist Martin Lau, und sein Album »Numen« ist grenzüberschreitend, verstörend und von einer klanglichen Vielfalt, die Mathcore, Techno, Kirchenchoräle und Stockhausen spielend in sich aufsaugt – und das alles nur mit den Sprechwerkzeugen! Mit einer unverkennbaren hand-, pardon, mundwerklichen Meisterschaft tut diese auf dem Augsburger Label Atemwerft erschienene CD das, was Popmusik viel zu selten tut: radikale Fragen stellen. Etwa die, was eigentlich Sprache ist und wie sie den Menschen von anderen Lebensformen unterscheidet.”

review of “numen” by Rigobert Dittmann @ Bad Alchemy #87 (english version)

“Wo zum Teufel ist die Stimme? Sie ist in den Berliner Maulwerker und Elsterwürger Martin Lau gefahren wie einst der ausgetriebene Dämon namens Legion in 2000 Schweine. Und artikuliert sich hier als tobende, zischende, glossolalierende Multitude im prälogisch Numinosen. Noch (oder wieder) ist alles Sagenwollen und Sagensollen eine Ursuppe, ohne Buchstaben und ohne Luise.

Als Schall, nahe am Wahn und Wind, als Urlaute, nahe an Tier und Dämon. Weil wir, wie Lau im Interview auf Atemwerft vermutet, klanglich verlinkt sind im Naturhaften. Mit dem Mund als Zugang zur Welt. Aber es gibt da auch, obwohl Lau bestrebt ist, Mimetisches zu vermeiden, Anklänge an Donald Duck, Adenoid Hynkel und Zang Tumb Tumb. Lau macht sich zum Medium, Schamanen und Fürsprecher für etwas, das ohne Sprache zur Sprache kommen muss, eine schlotternde Angst und würgende Wut, ein Exzess aus deliranter Überegomanie, bruitistischer Brutalität und zerebraler Anarchie, in dem totale Verausgabung und totale Vereinnahmung ununterscheidbar sind.

Dazu muss Lau die Prägungen und Reflexe seines Sprachzentrums dekonstruieren und transgredieren. Er arbeitet hart am Unwillkürlichen, ringt um Kontrollverlust und die Unvorhersehbarkeit des Unsagbaren und Unsäglichen. Er zerreißt und zerfetzt, im vollen Bewusstsein der Künstlichkeit seiner performativen Aktionen, die linguale Lautwelt unter rücksichtslosem Einsatz von Stimmbändern, Gurgelstock, Rachenraum, Kiefernhöhle, Mundwerk, Zunge und Zahn.

Er zerrrrraspelt und schlürft sie, dass kaum was für den Besen bleibt. Und den Besen frisst er auch noch. Um sich zuletzt selbst zu garottieren und sich, hundehechelnd, über die eigenen Knochen herzumachen. Ist nicht der Geist diese Knochen? Doch schließlich würgt er, nach gehusteter Vorwarnung, alles, mit dem er sich überfressen hat, konvulsisch wieder aus. Selbst Phil Minton, Jaap Blonk oder Mike Patton wirken daneben fast wie Chorknaben.”